Journal
Jahresbericht 2025
Das Jahr von Theater Marie in Zahlen
- 1 neuer Anstrich des Probebühnenbodens in Suhr
- 1 Zugfahrt, bei der vor Lenzburg das Team im letzten Zug steckenblieb und mit Mobility nachhause reisen musste
- 1 Gastpielwohnung gemietet
- 1 Flügel in Suhr stimmen lassen
- 1 Lieferung Pullover verloren – und im Jahr 2026 wiedergefunden
- 1 Notfallapotheke verloren – und nie mehr wiedergefunden
- 2 runde Geburtstage im Team gefeiert
- 3 Fotoshootings gemacht
- 3 Liter Wodka verbraucht, um die Kostüme gegen Gerüche einzusprayen
- 3 neue Podcastfolgen als Einführung realisiert – inklusive Tonaufnahmen in improvisierten Settings und Ausstrahlungen auf Kanal-K
- 13-mal eine Gipswand verputzt
- 13 Veranstaltungsorte in 5 Kantonen bespielt – von Brig bis St. Gallen, von Zürich bis Baden
- 25 Säckli mit Schläckzüg vorbereitet fürs Kino Marie
- 60 Würste am Sommerfest gegrillt
- 67 Premierenkärtli geschrieben
- 99-mal (und vermutlich öfter) Mittagstisch gekocht
- 100 falsche Fingernägel aufgeklebt
- 1200 Flyer mit falschem Datum gedruckt
Vom Nebel in die Nahaufnahme
Das Jahr 2025 begann mit einem nebelverhangenen Aufbruch: Im Februar feierte «Dunst», die neue Produktion der Jungen Marie, in der Tuchlaube Aarau Premiere. Unter der Leitung von Regisseur Benjamin Burger und Schauspieler Dimitri Stapfer erforschten sechs junge Spieler:innen auf einer verwaisten Aussichtsplattform im fiktiven Dorf Kaffmatt, wie soziale Herkunft den Alltag junger Menschen prägt – und wie der Wunsch nach einer besseren Zukunft selbst den dichtesten Dunst durchdringen kann. Die Produktion stiess auf reges Interesse und gastierte im März im Tojo Theater der Reitschule Bern, wo sie ein weiteres Publikum für sich gewann.
Gleichzeitig ging im Januar die zweite Serie von «Höhere Gewalt – Eine Versicherungsrecherche» auf die Bühne. Manuel Bürgin und Newa Grawit entlarvten als zuversichtliche Versicherungsvertreter:innen die skurrile Welt der Risikoplanung – zunächst an der Bühne Aarau, dann im Kellertheater Winterthur und im Zeughaus Kultur Brig. Im Mai folgte ein Gastspiel im Kulturmarkt Zürich, wo die Frage, ob Versicherungen ein Akt der Solidarität oder der Versuch sind, sich von den Gefahren des Lebens freizukaufen, noch einmal frisch und als letzte Vorstellung vor der Sommerpause vor einem Zürcher Publikum verhandelt wurde.
Das Stück von Maria Ursprung und Theater Marie wurde 2025 erfreulicherweise auf der Shortlist des Schweizer Theatertreffens platziert.
Mit einem internen Kinoabend im alten Kino Central in Suhr, dem langjährigen Probenort von Theater Marie, verabschiedeten wir uns von Svenja Duscha, die seit 23/24 als Jahrespraktikantin und später als Betriebsassistentin Produktionen und Betrieb begleitet hatte und zuletzt als Regieassistenz bei «Dunst» mitwirkte. Auf der Leinwand flimmerte an diesem Abend Tarantinos «Pulp Fiction» – ein wilder, augenzwinkernder Abschiedsgruss, ergänzt von einer lehrreichen Einführung in den Filmklassiger.
Im Februar verabschiedete sich «Stein sein» mit einer letzten Vorstellung im Kulturkreis Würenlingen – ein Abend, der bewies, dass Steine Geduld haben und Theaterproduktionen nicht rosten.
Kurz darauf, Anfang März, rückte die Junge Marie erneut aus: «I want to belong (and sing a song)» gastierte mit Schulvorstellungen im Kulturmarkt Zürich und erinnerte das Publikum daran, wie dringend die Frage nach Zugehörigkeit ist – in jedem Alter.
Derweil sassen Miriam Japp und Manuel Bürgin bereits tief versunken im literarischen Kosmos von Klaus Merz. Sie lasen und lasen und lasen – Kalenderblätter, Familiengeschichten, Portraits von Randfiguren, die in der Nahaufnahme zu eigensinnigen Protagonist:innen werden. Aus dieser intensiven Textarbeit entstand die Fassung für «Eine Ahnung vom Ganzen», das Theaterprojekt zum 80. Geburtstag des grossen Aargauer Erzählers und Grand-Prix-Literatur-Preisträgers. In regem Austausch mit der Stiftung Litar und dem Forum Schlossplatz Aarau nahmen Stück, Ausstellungen und Zusatzangebote Gestalt an – denn das Vorhaben war von Anfang an als perspektivenreiches Gesamtbild angelegt: Die Ausstellung «Aussen ist innen – Klaus Merz» im Forum Schlossplatz, die «Merz Welt» in der Galerie Litar Zürich und die Theaterproduktion von Theater Marie sollten sich im Herbst zu einer vielstimmigen Hommage ergänzen.
Parallel dazu begannen im März die Proben für die nächste grosse Etappe: «zwei herren von real madrid», die zweite Koproduktion mit Konzert und Theater St. Gallen. Leo Meiers zärtliches, widerborstiges Stück über Männlichkeit, Freundschaft und Fussball beging im April die Schweizerische Erstaufführung im Kurtheater Baden – und die Vorstellungen in Baden und Aarau wurden sehr gut aufgenommen.
Die Vorstellungen in der Lokremise St. Gallen verliefen ruhiger: Neue Dramatik auf den Spielplänen eines grossen Hauses wie St. Gallen braucht Zeit und Vertrauen beim Publikum; zwei Vorstellungen mussten wegen leerer Säle abgesagt werden. Das gehört zum Experiment einer Koproduktion dazu, wir sind dennoch froh, dass sich St. Gallen offen für neue Theatertexte und auch für Theater Marie entscheidet.
Im Mai begann eine andere wichtige Arbeit: Die Suche nach einer neu geschaffenen Betriebsstelle. Theater Marie hatte 2022 – 2025 jeweils eine Jahrespraktikantin, die Marie während einer Spielzeit begleitete. Da wir gemerkt haben, dass Kontinuität in dieser Position genau so wichtig ist, wie in allen anderen Positionen, haben wir die neue Stelle der Betriebsassistenz geschaffen für jemanden, der mitdenkt, mitreist und mitgestaltet. Die Wahl fiel auf Niki Grieser Díez: Die Zürcherin studierte Philosophie und Literaturwissenschaft, schreibt Prosa, macht Musik und geht mit Theater Marie – wie sie selbst sagt – «auf Reisen». Eine Betriebsassistentin mit eigenem Schreibtisch in der Welt. Wir sind sehr glücklich über diese Zusammenarbeit.
Und dann, Ende Juni, wurde etwas bekannt, was wir schon ein paar Wochen voller Freude als Geheimnis mit uns herumgetragen haben: Die Landis & Gyr Stiftung sprach Theater Marie den Anerkennungsbeitrag 2025 zu – CHF 50’000, auf Berufung, ohne Antrag. Die Stiftung würdigt damit ein unabhängiges Produktionszentrum ohne feste Spielstätte, das seit über vier Jahrzehnten das freie Theaterschaffen in der Schweiz prägt. Ein Teil des Beitrags fliesst in die Infrastruktur – in all das, was man nicht auf der Bühne sieht, das aber trägt.
Malina Mikulan, die uns bis Juli 2025 als Jahrespraktikantin unterstützt hat, hat uns mit Spielzeitende verlassen, um das Studium der Theaterpädagogik in Angriff zu nehmen. Wir wünschen ihr dabei viel Erfolg!
Die Planung von «Eine Ahnung vom Ganzen» lief in die Schlussphase: Im Dialog mit der Galerie Litar und dem Forum Schlossplatz entstanden keine parallelen Einzel-Projekte, sondern wirklich aufeinander bezogene Arbeiten: Ausstellung, Ausstellungskooperation und Theaterproduktion, die sich im Herbst gegenseitig befragen und ergänzen sollten. Dass dieser Dialog fruchtbar war, zeigte sich früh.
Der Lohn kam bereits vor der ersten Probe: «Eine Ahnung vom Ganzen» wurde als Pro Argovia Artist 2025 ausgewählt, ein Vorschuss, der zugleich Verpflichtung und Vertrauensbeweis war. Die Proben begannen vor der Sommerpause mit einer intensiven ersten Phase und am ersten Probentag auch in Anwesenheit von Klaus Merz; noch immer wurde an der Textfassung gearbeitet, noch immer wurde ausgewählt, verworfen, neu gewichtet. Miriam Japp und Manuel Bürgin blieben beharrlich in der Nähe von Klaus Merz’ Sätzen.
Nach den Sommerferien dann: Endproben, volle Konzentration, eine Besetzung, die sich diesen Texten mit grosser Offenheit und zugewandt verschrieb. Und im September und Oktober in Aarau: volle Häuser, ein grosses mediales Echo und – das Schönste – viele Gespräche mit Zuschauer:innen, die sich auf Klaus Merz’ Kosmos neu eingelassen hatten.
Ebenfalls im September fanden gleich drei Dinge gleichzeitig statt: Das Team las in voller Besetzung zum ersten Mal gemeinsam «ZINNOBER!» von Martina Clavadetscher – ein erster Blick auf das, was 2026 kommen würde. Und das Kino Marie Wochenende verwandelte das Alte Kino Central in Suhr einmal mehr in einen Ort der Begegnung: «Soundtrack Attack» hiess das Motto, Stefan Rusconi spielte live und sprach im Gespräch mit Maria Ursprung über die Herausforderung, Keith Jarretts «Köln Concert» für einen Film neu zu interpretieren.
Derweil war Theater Marie auch auf institutionellen Wegen aktiv: Als Mitglied des Bühnennetzwerks nahm das Team an Veranstaltungen teil, in denen es um Konditionen für Gastspiele und Koproduktionen ging – theoretisch manchmal, aber notwendig und sinnvoll und stärkend für die Branche.
Auf ganz anderen Wegen begegnete Theater Marie dem Klaus-Merz-Kosmos noch einmal öffentlich: Manuel Bürgin führte zusammen mit Kuratorin Barbara Ruf durch die Ausstellung «Aussen ist innen» im Forum Schlossplatz – ein Rundgang, der Verbindungen zwischen Ausstellungs- und Theaterarbeit sichtbar machte. Maria Ursprung gestaltete in Zusammenarbeit mit dem Forum Schlossplatz und dem Stadtmuseum Aarau einen Schreibworkshop in den Ausstellungen zu Klaus Merz und Werner Erne – Schreiben als Reaktion auf Kunst und Literatur und Literatur als Einladung zur eigenen Sprache.
Der Herbst brachte weitere Gastspiele: «Höhere Gewalt» spielte im Kurtheater Baden. «Eine Ahnung vom Ganzen» reiste zu neuen Publika: ThiK in Baden, TaB* Reinach AG, Sternensaal Wohlen und Wädenswil. Theater Marie war ausserdem durch t. Aargau dabei, wenn Lisa Stepf zwei Feedback-Workshops nach der DasArts-Methode gab, ein Format, von dem auch das eigene Team schon profitiert hatte, und das nun weiteren Aargauer Theater- und Kulturschaffenden zugutekam.
Und dann stand die Stadt Aarau «im Raum»: Die Stadt hat im März 2025 ihren Letter of Intent eingereicht, um Kulturhauptstadt Schweiz 2030 zu werden und nun arbeitete ein ganzes Team an der Bewerbung. Theater Marie war dabei – als Teil eines Kulturlebens, das Aarau überhaupt erst zu einer glaubwürdigen Kandidatin macht. Ob diese Bewerbung erfolgreich sein wird, zeigt sich 2026. Wenn sie erfolgreich ist, ist Theater Marie natürlich gerne dabei!
Im November reiste «Dunst» ins Kurtheater Baden: zwei Vorstellungen, die erneut bewiesen, dass das Jugendtheaterstück, das über eine stark filmische Ästhetik erzählte, nichts von seiner Dringlichkeit verloren hatte.
Dazwischen traf sich, wie in jedem Jahr, die Programmgruppe: Ingo Ospelt, Diana Rojas-Feile, Paula Herrmann und Jules Gross, die biennal wechselnde künstlerische Beratungsrunde, die mitdenkt, mitdiskutiert und Entscheidungen für die kommenden Spielzeiten mitprägt.
Und wenn man das Jahr überblickt – drei neue Produktionen, die ein breites Spektrum von Theater – für ein junges Publikum bis literarischer Hommage – abdecken, dazu Wiederaufnahmen und ein Koproduktionsprozess mit einem Stadttheater, kulturpolitisches Engagement, Podcast und Vermittlung und immer wieder Begegnungen mit einem interessierten und zugewandten Publikum: Die Nahaufnahme ist das, was zählt und uns berührt.
Danke an alle, die uns unterstützt haben und unterstützen, danke an unsere Partner:innen, an den Verein von Theater Marie und die Netzwerke und Berufsverbände. Danke an alle künstlerisch und technisch Beteiligten und natürlich: Danke, dass Sie als unser Publikum Theater Marie zugewandt bleiben und die Stücke aufmerksam verfolgen.
Danke für das gemeinsame Theaterjahr 2025.