Kino Marie Wochenende 2026
Regisseur des Unsichtbaren
Das Kino Marie Wochenende lädt dazu ein, an zwei Tagen ausgewählte Filme zu entdecken und den Menschen hinter den Werken persönlich kennenzulernen. Im Mittelpunkt stehen dieses Jahr Filmvorführungen, Gespräche und der Austausch mit dem Regisseur Stefan Haupt. Mit Filmen wie Elisabeth Kübler-Ross, Der Kreis, Zwingli und Stiller hat Haupt das Schweizer Kino der vergangenen Jahrzehnte entscheidend mitgeprägt. Seine Arbeiten bewegen sich zwischen Spiel- und Dokumentarfilm und zeichnen sich durch ihre gesellschaftliche Relevanz, ihre sorgfältige Recherche und ihre grosse erzählerische Sensibilität aus. An beiden Tagen werden ausgewählte Werke Haupts gezeigt, begleitet von Gesprächen und der Möglichkeit, den Regisseur persönlich kennenzulernen.
Stefan Haupt, geboren 1961 in Zürich, ist seit 1989 als Regisseur und freischaffender Filmemacher tätig. Sein Spielfilmdebut Utopia Blues (2001) gewinnt den Zürcher Filmpreis und den Schweizer Filmpreis. Elisabeth Kübler-Ross (2003) ist mit europaweit rund 300’000 Zuschauenden bis heute einer der erfolgreichsten Schweizer Dokumentarfilme. Der Kreis (2014) wird unter anderem an der Berlinale mit dem Panorama Publikumspreis und dem Teddy Award ausgezeichnet und erhält 2015 den Schweizer Filmpreis in der Kategorie Bester Spielfilm. Zürcher Tagebuch feiert seine Weltpremiere am Zürcher Filmfestival 2020. Zu seinen jüngeren Arbeiten zählen der Kinofilm Zwingli (2019), der Dokumentarfilm Margreet Honig – Der freie Ton (2022) sowie die Verfilmung von Max Frischs Roman Stiller (2025).
PROGRAMM
Samstag, 21. November 2026
17:00 Uhr | Filmvorführung «Zürcher Tagebuch» (2020)
Ausgehend von seinen eigenen Gedanken und vor dem Hintergrund seines Lebens als Vater und Filmemacher spürt Stefan Haupt dem Geist der Zeit nach: Ein filmischer Streifzug durch eine Stadt und eine Gegenwart, die aus den Fugen geraten scheint. Persönliche Bilder treffen auf politische Wirklichkeit, Familiengespräche auf Fragen nach dem, was uns verbindet und was uns überfordert. Was liegt in der Luft? Der Film folgt keinem geraden Weg. Er sammelt Stimmen, Blicke, Erinnerungen und Widersprüche: Zürich als konkrete Stadt und als Raum für Flucht, Klima, Finanzwelt, Pandemie und die tägliche Nachrichtenflut. Zwischen Zugfenstern, Wohnzimmern und öffentlichen Debatten entsteht ein Essay, der nicht so tut, als kenne er die Antworten.
Ein Film über das Zweifeln, das genaue Hinsehen und die Möglichkeit, dass im Unbehagen auch ein Aufbruch steckt. Ein Tagebuch für Zürich und weit darüber hinaus. Das Spiegelbild einer bewegten Zeit, die mit Einsetzen des Shutdowns im März 2020 abrupt zur Ruhe kommt.
Länge: 101min
19:00 Uhr | Gespräch mit Stefan Haupt
Der Regisseur stellt in seinen Filmen ungewöhnliche Biografien ins Zentrum und beleuchtet sowohl historische Figuren als auch heutige Stadbewohner:innen. Im Dialog fragen wir nach seiner thematischen Suche, nach formalen Entscheidungen zwischen Essay, Dokudrama und Historienfilm und danach, wie sich Kunst, Politik und Alltag in seiner Arbeit verschränken.
20:15 Uhr | Filmvorführung «Utopia Blues» (2001) und anschliessendes Q&A mit Stefan Haupt
In seinem Spielfilmdebüt erzählt Regisseur Stefan Haupt die Geschichte des 18-jährigen Rafael in Zürich, der mit seinem unbedingten Freiheitsdrang immer wieder in Konflikt mit seiner Umwelt gerät. Der Film wurde 2001 als bester Schweizer Spielfilm ausgezeichnet. Rafael lebt mit seiner Mutter am Rand von Zürich und sollte sich auf den Schulabschluss vorbereiten. Stattdessen probt er mit seiner Band, plant den grossen Aufbruch und hält sich an eine einfache Regel: Das Leben ist ein Spiel. Alles muss möglich sein, sofort und ganz. Doch die Stadt spielt nicht einfach mit. Zwischen Musik, Freundschaften, familiären Erwartungen und dem Druck, endlich vernünftig zu werden, kippt Rafaels Freiheitsdrang zunehmend in eine Bewegung, die sich nicht mehr kontrollieren lässt.
Utopia Blues erzählt nicht vom Erwachsenwerden als sauberem Übergang, sondern als Zumutung: als Versuch, die eigene Wirklichkeit gegen jene zu verteidigen, die andere längst vorgesehen haben. Stefan Haupt verfilmte eine wahre Geschichte mit grosser Nähe zu ihrem Protagonisten – ohne ihn zu glätten oder zur warnenden Figur zu machen. Ein Zürcher Film über jugendliche Radikalität, psychische Verletzlichkeit und die Frage, wie viel Freiheit eine Gesellschaft aushält.
Länge: 95min
Sonntag, 22. November 2026
11:30 Uhr | Filmvorführung «Sagrada» (2012) und anschliessendes Gespräch mit Andreas Hunziker und Oliver Krähenbühl
Ein Bauwerk, das nie fertig wird und gerade deshalb von Zeit, Sehnsucht und menschlicher Vorstellungskraft erzählt. Stefan Haupt richtet seinen Blick auf die Sagrada Família in Barcelona: Antoni Gaudís kühne, widersprüchliche Kathedrale, an der seit 1882 gebaut, verworfen, weitergedacht und geglaubt wird. Der Film folgt den Spuren eines Architekten, dessen Leben ebenso radikal war wie seine Formen. Er führt in Werkstätten und Türme, in Archive, Konstruktionen und offene Fragen. Wer entscheidet, wie ein unvollendetes Werk weiterlebt? Was bewahren wir, was ergänzen wir und für welche Zukunft bauen wir heute?
Sagrada ist mehr als ein Architekturfilm. Mit staunendem, zugleich prüfendem Blick erzählt Stefan Haupt von einer Schöpfung, die Generationen überdauert: von Handwerk und Technik, Hingabe und Grössenwahn, Glauben und Gestaltungswillen. Ein filmischer Besuch an einem Ort, der sich jeder Vollendung entzieht und uns gerade deshalb angeht.
Länge: 89min
13:00 Uhr | Philosophischer Nachklang zu «Sagrada»
Im Anschluss an Sagrada sprechen Andreas Hunziker, Religionsphilosoph und Pfarrer der Reformierten Kirche Suhr-Hunzenschwil, und Oliver Krähenbühl, Bildender Künstler, über den Ewigkeitsanspruch der Sagrada Família. Ein Austausch über Schöpfungskraft, unvollendete Werke und die Frage, was es heute heisst, etwas zu beginnen, dessen Ende ausserhalb der eigenen Lebenszeit liegt. Im Vorfeld zum Kino Marie Wochenende wird Andreas Hunziker am 15. November im Gottesdienst in Reformierten Kirche auf den Film Sagrada eingehen.
19:00 Uhr | Filmvorführung «Finsteres Glück» (2016) und anschliessendes Q&A mit Hauptdarstellerin Eleni Haupt

© W-film / Tobias Dengler
Nach einer totalen Sonnenfinsternis wird die Zürcher Psychologin Eliane Hess (Eleni Haupt) zu einem Notfall gerufen: Der achtjährige Yves (Noé Ricklin) hat als Einziger einen verheerenden Autounfall überlebt, bei dem seine ganze Familie ums Leben kam. Behutsam versucht Eliane, Zugang zu dem traumatisierten Jungen zu finden. Doch die professionelle Distanz gerät ins Wanken, als Yves’ Tante und Grossmutter um seine Zukunft streiten und Elianes eigene, lange verdrängte Verletzungen an die Oberfläche drängen.
Stefan Haupts eindringliches Schweizer Drama, nach dem Roman von Lukas Hartmann, erzählt mit grosser Empathie von Trauer, Verantwortung und der fragilen Suche nach einem neuen Zuhause.
Länge: 113min
Im Anschluss an den Film steht die Hauptdarstellerin Eleni Haupt (Eliane Hess) dem Publikum für Fragen zur Entstehung des Films zur Verfügung.
Altes Kino Central (bei der Bärenmatte), Obere Dorfstrasse 5, 5034 Suhr
Parkplätze bei der Bärenmatte vorhanden.
Einzelfilm: CHF 12.–
Festival-Pass (alle Filme): CHF 30.–
Bezahlung in bar oder per Twint möglich
Die Kinobar öffnet 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn.
Reservierung per E-Mail an info@theatermarie.ch
Kulturkommission Suhr, Aargauer Kuratorium, Stadt Aarau