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Journal

15.09.2026

Impulsgruppe

Warum Theater Marie eine Impulsgruppe hat (und was diese tut)

Theater entsteht oft aus einer eigentümlichen Fiktion: der Fiktion, dass am Anfang eine einzelne Idee steht. Jemand hat etwas gesehen, gelesen, erlebt und sagt: Daraus machen wir ein Stück. Danach folgt die Arbeit. Die Probe. Die Diskussion. Die Krise. Die Premiere. Und am Ende, so die Erzählung, steht ein Werk, das sich einer einzigen künstlerischen Handschrift zurechnen lässt.

In Wirklichkeit ist diese Geschichte schon deshalb unerquicklich, weil sie verschweigt, wie viele Menschen an einer Aufführung denkend beteiligt sind. Eine Technikerin löst mit einer beiläufigen Frage ein szenisches Problem. Ein Schauspieler hört einen Satz anders, als er gemeint war. Und oft genügt ein Impuls von aussen, damit eine Arbeit, die eben noch festgefahren schien, wieder in Bewegung kommt.

Für ein kleines Kernteam wie bei Theater Marie ist diese Bewegung besonders wichtig. Kleine Strukturen haben viele Qualitäten: Sie können schnell entscheiden, Verantwortung direkt übernehmen, Risiken eingehen und nahe an einer Idee bleiben. Zugleich droht ihnen eine Gefahr. Wer über längere Zeit eng miteinander arbeitet, entwickelt nicht bloss Vertrauen, sondern auch Routinen. Man weiss – oder glaubt zu wissen–, was die anderen meinen, bevor sie es ausgesprochen haben. Das spart Zeit, kann aber dazu führen, dass man Fragen nicht mehr stellt, weil die Antworten längst bekannt zu sein scheinen.

Die Impulsgruppe von Theater Marie setzt genau hier an. Sie ist kein Gremium, das Programme absegnet, keine unsichtbare Jury und kein kuratorischer Rat. Sie soll auch keine Entscheidungen delegieren, die weiterhin beim Kernteam und den jeweiligen Regieteams liegen. Ihre Aufgabe ist anspruchsvoller und, im besten Fall, produktiver: Sie bringt andere Erfahrungen, andere ästhetische Bezugspunkte und unerwartete Zweifel in den Prozess ein.

Das klingt zunächst unspektakulär. Aber das Recht auf eine gute Frage ist im Kulturbetrieb keineswegs selbstverständlich. Zu oft wird Beteiligung mit Zustimmung verwechselt und Kollegialität mit Harmonie. Dabei ist eine Gruppe dann stark, wenn sie unterschiedliche Perspektiven so zusammenbringt, dass aus dem Widerspruch kein Stillstand, sondern Präzision entsteht. Ein Impuls ist schliesslich keine Anweisung. Er verlangt keine sofortige Umsetzung. Er verändert jedoch die Richtung, in die man schaut.

Die Impulsgruppe begleitet Theater Marie während zwei Spielzeiten. Besprochen werden Stoffe, Formen, mögliche Besetzungen, konkrete Vorhaben und Fragen, die noch nicht nach Projekt aussehen müssen. Gerade diese Offenheit ist entscheidend. Nicht jede Überlegung muss sofort in einen Spielplan münden. Nicht jede Idee braucht bereits einen Titel, ein Budget oder eine Premiere. Theater braucht auch Räume, in denen etwas vorläufig sein darf: ein Gedanke, eine Irritation, ein Einwand, eine Möglichkeit.

In der Spielzeit 2026/2027 gehören neben dem Kernteam Musa Altay Yayan als Vertretung der Jungen Marie, Lucien Haug (Dramaturgie), Beren Tuna (Schauspiel und Regie), Christiane Hinrichs (Bildende Kunst) sowie Niki Grieser-Díez (Soziokultur, Literatur) zur Impulsgruppe. Die unterschiedlichen Arbeitsfelder sind kein dekoratives Kompetenzprofil, eher die Hoffnung, dass sich Theater Marie immer wieder von Erfahrungen und Praktiken berühren lässt, die ausserhalb der eigenen gewohnten Denkwege liegen.

Vielleicht ist kollektives Arbeiten letztlich genau das: nicht die Abschaffung von Verantwortung, sondern ihre Öffnung. Entscheidungen müssen weiterhin gefällt werden. Jemand muss sie vertreten, mit ihren Folgen leben und sie auf die Bühne bringen. Aber bevor entschieden wird, darf es mehr als eine Stimme geben. Nicht weil Mehrstimmigkeit automatisch zu besseren Resultaten führt, sondern weil sie verhindert, dass man die eigene Perspektive mit der Welt verwechselt.

Maria Ursprung

 

Maria Ursprung ist seit 2022 Teil der Co-Leitung von Theater Marie. Sie ist Autorin und Regisseurin und im Betrieb für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.