Journal
Bühne als Fenster
Der Stücktext als Risiko und Fremdkörper im Jugendtheater
Im Jugendtheater entwickeln wir oft Stücke, die von Stoff und Material ausgehen: von Gesprächen, Erinnerungen, Chatverläufen, Erlebnissen, Wut. Das hilft den Spielenden, eine Haltung und ein Anliegen zu entwickeln und nicht eine Stimme nachzusprechen. Theater soll schliesslich kein Museum sein, in dem Jugendliche die Sprache Erwachsener anprobieren wie einen zu grossen, miefigen Mantel. Es soll Gegenwart sein, Reibung, Risiko.
Wenn aber ein fertiges Stück als Vorlage dient, verändert sich etwas: Plötzlich ist da ein Gegenüber. Ein Text, der sich nicht sofort fügt. Eine Figur, die anders spricht und sich vielleicht sperrt. Ein Stück verlangt, dass junge Spieler:innen nicht nur sich selbst auf der Bühne finden. Es verlangt auch, dass sie nach sich selbst und nach jemand anderen in einer Figur suchen.
Ist das eine Zumutung?
Bei einer Eigenentwicklung entsteht die Sprache oft aus dem Raum heraus und die Spieler:innen werden zu Autor:innen ihrer eigenen Bühnenwirklichkeit. Ein Stücktext als Vorlage funktioniert anders. Er bringt bereits eine Ordnung mit: Figuren, Rhythmen, Leerstellen, Konflikte. Er weiss manchmal etwas, das die Gruppe noch nicht weiss. Das kann Widerstand hervorrufen und die Frage: Warum müssen wir eine Geschichte spielen, die nicht unsere ist? Diese Frage ist ein Teil der Arbeit, dann, wenn jemand nicht sagen kann: «Das bin ich», sondern sagen muss: «Ich verstehe es noch nicht. Aber ich versuche, es zu erzählen.» Die Bühne ist dann kein Spiegel, sondern ein Fenster. Man sieht sich darin nicht unbedingt selbst. Aber man sieht weiter.
Das Risiko eines Stücks besteht darin, dass es die Jugendlichen überdeckt. Dass sie zu Träger:innen einer Sprache werden, die ihnen nicht gehört. Doch ein guter Text liefert keine fertige Wahrheit über die Lebensrealität von Jugendlichen. Er eröffnet einen Spielraum. Er erlaubt Übertreibung, Widerspruch, schwarzen Humor, Unschärfe. Er traut jungen Menschen zu, mehr zu sein als Repräsentant:innen ihrer Generation. Wer eine Figur spielt, darf sich verstecken und gerade dadurch etwas zeigen. Wer eine erfundene Geschichte erzählt, muss nicht beweisen, dass sie «wirklich passiert» ist. Das entlastet. Es schützt. Und es macht mutig.
Für die neue Produktion «Wälder im Frühling» der Jungen Marie arbeiten wir mit einem Theatertext von Eva Rottmann. Das Stück kreist um Jen, siebzehn Jahre alt und möglicherweise schwanger, sowie um ihre Freundinnen Nini und Ka, mit denen sie herauszufinden versucht, was sie will. Das Thema könnte leicht in eine Botschaft gedrängt werden: Schwangerschaft, Verantwortung, Familie, Entscheidung.
Aber dieser Theatertext kann mehr. Er kann die Stelle sichtbar machen, an der keine Entscheidung einfach ist. Die Stelle, an der der eigene Körper plötzlich nicht mehr nur der eigene Körper zu sein scheint. An der Freundschaft zugleich Zuflucht, Zumutung und Gegenmacht wird. Gerade die Mischung ist für ein Jugendtheater entscheidend. Der Frühling im Titel verspricht kein blosses Erwachen. Ein Wald ist kein aufgeräumter Park. Man verliert darin die Orientierung, hört Geräusche, die man nicht zuordnen kann und findet Wege erst im Gehen.
Die Kraft des Geschichtenerzählens liegt nicht darin, dass es Antworten bereithält. Sie liegt darin, dass es uns in Situationen stellt, die wir allein vielleicht nicht betreten würden. Eine Geschichte verteilt Erfahrung: auf Figuren und auf ein Publikum, das für eine Stunde mitträgt, was sonst jemand allein tragen müsste.
„Wälder im Frühling“ erzählt von einem Moment, in dem das Leben plötzlich voller Möglichkeiten und Zumutungen ist.
Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe des Jugendtheaters: nicht Jugendlichen zu erklären, wer sie sind, sondern ihnen einen Raum zu geben, in dem sie erzählen können, wie unübersichtlich es immer wieder ist, zu sein und zu werden.
Maria Ursprung
Maria Ursprung ist seit 2022 Teil der Co-Leitung von Theater Marie. Sie ist Autorin und Regisseurin und im Betrieb für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.